?> 2005 | dreiplus - Innovationsförderung

2005

RoHS ist ein A-Projekt

Die Umstellungszeit effektiv nutzen und typische Fehler vermeiden

Seit zwei Jahren wird über die Zusammenhänge der Umstellung auf RoHS (Restriction of Hazardous Substances) für die Unternehmen als Ganzes informiert und aufgeklärt. Trotzdem wird die Tragweite noch immer unterschätzt oder das Projekt falsch angegangen. Dies kann die Unternehmen nachhaltig schädigen. Die RoHS-Umstellung birgt ein erhebliches Risiko, aber auch Chancen: Die Chance durch Prozessanpassungen in den nicht technischen Bereichen den Unternehmensertrag zu steigern, Wettbewerbsvorteile zu sichern und Deutschland als Fertigungsstandort wieder attraktiv zu machen.

Hubertus Andreae*

Würde man zur Beschreibung des Status der RoHS-Umstellung eine Formulierung aus dem Wetterbericht heranziehen, könnte man sagen, der tatsächliche Projektfortschritt entspricht oft nicht dem gefühlten Projektstand. Die meisten Unternehmen beschäftigen sich mit der RoHS-Umstellung aber alle haben Probleme - die Kleinen wie die Großen. Den Kleinen fehlt es oft an Know-how und Kapazitäten; die großen Unternehmen werden oft erschlagen von der Vielfalt an Produkten und Ein­zelmaterialien. Aber auch Aussagen der Projektleiter, „ Das Projekt ist im Termin­plan”, „es werden keine zusätzlichen Ressourcen benötigt”, „Risiken sind nicht ersichtlich”, sollten sehr mit Vorsicht betrachtet werden. Die Folgen von falscher Projekteinschätzung führen zur falschen Beruhigung der Geschäfts­leitung und später zu nachhaltigen Schäden für die Unternehmen. Ein Unternehmen, das elektronische Baugruppen entwickelt und fertigt, sollte das RoHS-Projekt in zweierlei Hinsicht angehen:

■ 1. Technologisch fertigungstechnische Qualifikation ist die Basis für einen be­rechenbaren Umstieg ohne nennens­werte Qualitätsrisiken. Mit diesem Thema beschäftigen sich viele Experten erfolgreich und ich bin sicher, dass die Unternehmen in der Regel hier gut und wettbewerbsfähig aufgestellt sein werden. Aber es ist noch einiges dafür zu tun.

■ 2. Prozesstechnische Qualifikation außerhalb der Fertigung mit Schwer­punkt Materialwirtschaft. Hier liegt die Hauptschwierigkeit! In diesem Beitrag werde ich stärker auf Punkt 2 eingehen und Problemzonen bzw. Fehler im Projekt aufzeigen. Meine Arbeit bei den Unternehmen in Bezug auf die RoHS-Überleitung bzw. Prozessoptimierung zeigt, dass oft der richtige Einstieg fehlt. Voraussetzung für den richtigen Einstieg sind zwei Faktoren:

■ 1. Eine breit angelegte Qualifizierung fast aller Mitarbeiter.

■ 2. Ein umfassender Projektplan.

Manpower und Qualifikation

Oft nehmen nur vereinzelt Mitarbeiter an einer Qualifizierungsmaßnahme teil. Die sind aber anschließend nicht in der Lage, die Informationen breit im Unternehmen weiter zu vermitteln. Durch das entstehende Wissensvakuum innerhalb der verschiedenen Fachbereiche ist ein Fehlstart des Projektes programmiert. Der nächste Schritt ist der notwendige umfassende Projektplan. Es ist dringend zu empfehlen, einen Projektplan unter Einbindung aller Fachbereiche zu erstel­len. Dieser Plan muss alle Detailschritte und Einzelmaßnahmen aufzeigen sowie Verantwortlichkeiten und Termine regeln. Wenn man dieses Projekt um­fassend beleuchtet, wundert man sich schnell, wie umfangreich er wird. Der Umfang macht zugleich die notwen­digen Ressourcen deutlich, die in vielen Bereichen geschaffen werden müssen.

Hier ist das nächste Problem: Das Tagesgeschäft lässt zu wenig Zeit für die Umsetzung des Projektes RoHS bekommt zweitrangige Priorität. Es ist aber ein A-Projekt und muss auch so angesiedelt sein, in der Priorität, in den Ressourcen, in der Sensibilität aller Mitarbeiter und der Geschäftsleitung.

Einkauf und Lager

Behinderungen innerhalb des Projektes kommen auch aus dem Problembereich der aktuellen EDV. Schon lange be­kannt, nicht angegangen und nun teil­weise das K.O.-Kriterium. Bisher konnte man sich um das Problem mit Ersatzprozessen herum lavieren. Das wird nun nicht mehr möglich sein. Themen wie, Lagerstandorttrennung ohne oder mit Artikelnummertrennung, Statuskenn­zeichnung, Temperaturprofilhinterlegung, Wareneingangs- und Bestellsteuerung über RoHS-Identifikation stehen auf der Tagesordnung.

Zudem bedarf auch die Belegsteuerung unterschiedlicher Stücklistenvarianten entsprechend dem Kundenstatus „RoHS-pflichtig” oder „bleipflichtig” intelligenter EDV-Lösungen.

Aber auch EDV-Tools, die den Einkaufs- und Vertriebsbereichen Möglichkeiten geben, einen optimalen Umstellungstermin zu ermitteln, sind selten vorhanden. Die Folge sind Unsicherheiten in der Terminaussage zum Umstellungstermin, die zu Risiken bei OEMs und EMS führen.

Diese komplexe Aufgabe ist durch Mus­kelkraft und Manpower nicht zu leisten. Leider ist die RoHS-Umstellung noch nicht genug in der Bestell- und Lager­welt zu erkennen. Die Einkaufsbereiche haben noch nicht ausreichend die Bestellreichweiten von bleihaltigem Material reduziert, Verträge mit den Zulieferern auf Umstellungsbelange nachverhandelt, Datenbanken mit Umstellungsterminen gefüllt, Lager­bestände der bleihaltigen Materialien reduziert. Besonders bei den Lager­reichweiten habe ich große Sorge, denn nur bei einigen Unternehmen sehe ich hier einen Fortschritt.

Für alle, die sich mit der Umsetzung beschäftigen, ist genau hier eine wichtige Messgröße.

Materialdeklaration und Kennzeichnung

Ein weiteres schwerwiegendes Problem ist das Begriff- und Kennzeich­nungschaos. Es macht den Anwendern im produzieren Gewerbe das Leben schwer. Bleifrei contra RoHS. Der feh­lende Qualifikationsgrad der Organisa­tionen und hier insbesondere der Pro­duzenten und den Materialzulieferern führt dazu, das Aussagen gemacht wer­den wie z.B. „die bleifrei bezeichneten Bauelemente sind RoHS-konform und lassen sich grundsätzlich in RoHS-Ver­arbeitungsprozessen einwandfrei verar­beiten”.

Jeder, der sich mit der RoHS-Umstel­lung und der Positionierung der Materi­alproduzenten beschäftigt hat weiß, wie falsch diese Aussage sein kann. Es ist einfach ein Irrglauben und bringt die Produzenten in Teufelsküche. Wohl bemerkt, in Einzelfällen kann die Aussa­ge richtig sein, aber als Grundsatzaus­sage ist sie falsch. Im ersten Schritt führt das bei der Projektgestaltung zur Falschausrichtung. Der Begriff „Bleifrei” wird für Bestellungen übernommen, Da­tenbanken werden entsprechend aufge­baut, Arbeitsanweisungen erstellt, Kenn­zeichnungen vorgenommen, Mitarbeiter qualifiziert.

Im zweiten Schritt bei der Verarbeitung mit höherer Temperatur kommt es zur Vorschädigung des Materials, die in der Fertigung bzw. erst im Feld erkannt wird. Ganz zu schweigen von der falschen RoHS-Konformität. Die Korrektur dieser Falschannahme ist mit großem Aufwand verbunden. Die Unternehmen haben schon heute eine schwere Aufgabe mit der RoHS-Umstellung vor sich und soll­ten auf solche Fehlstarts tunlichst ver­zichten. Ich appelliere an die vielen Zu­lieferer, offen, ehrlich und qualifiziert Klartext mit dem Kunden zu reden, den Produzenten zu helfen und Schaden für alle zu vermeiden. Das ist die Verant­wortung der Materialzulieferwelt.

Zusammenspiel in der Lieferkette

Baugruppenproduzenten, die ultimativ die Umstellung der Materialanlieferun­gen auf RoHS z.B. ab dem 01.10.2004 oder 01.04.2005 verlangen und das mit der Androhung auf Rücklieferung bei bleihaltigen Lieferungen, sollten sich darüber bewusst werden, das kann man sich zwar wünschen entbehrt aber einer Realisierungsbasis. Nicht alle Bauteile sind schon heute in Serie RoHS-kon­form lieferfähig. Ganz abgesehen davon, dass Rücklieferungen in dieser Form die angespannte Lage noch mehr belasten. Runde Tische, als qualifizierte Verständigungsbasis, haben sich schon in der nahen deutschen Geschichte be­währt. Auch hier könnte sich diese Me­thode bewähren. Muskel- und Macht­spiele helfen nicht!

Aber auch die OEM haben eine Verant­wortung gegenüber den EMS. Sammel­schreiben an die EMS, „…Umstellung hat bis zum 01.07.2005 zu erfolgen, danach sind bleihaltige Lieferungen unzulässig…”

sind ebenfalls nicht zielführend. Auch der OEM hat im Vorfeld Vorarbeiten zu leisten. Prozesse sind zu definieren, wie

■ Materialbeschaffungsfreigaben von RoHS-Material,

■ Umgang mit 0-Serien,

■ Zulassungen der RoHS-Produkte,

■ OEM-Zeichnungen sind ggf. auf RoHS umzustellen (Mechanik),

■ Lotvorgaben und andere Fertigungs­spezialitäten sind freizugeben.

Übergangschecklisten und RoHS-Audit

Um diesen Prozess besser zu managen empfehle ich den EMS-Providern, Über­gangschecklisten anzufertigen. Diese Checklisten führen zu einer Vereinheit­lichung des Vorgehens. Darin sollten alle Punkte aufgeführt werden, die ab­zustimmen sind. Der EMS sollte die Übergangscheckliste erstellen, da er öfter als der OEM mit der Überleitung-von Produkten der Kunden betroffen ist. Einige Unternehmen greifen bei der Umstellung auf externe Hilfe zurück. Sie lassen ihr RoHS-Projekt auditieren. Sie verschaffen sich einen Überblick von unabhängiger Seite, mit dem Vorteil, dass Fehler und Ver­säumnisse aufgedeckt werden, praktische Lösungen aufge­zeigt und das Rad nicht immer von neuem allein erfunden werden muss.

Ein weiterer Vorteil: Sie können auch gegenüber ihren Kunden die Qualität ihres Projektes belegen. Das schafft zusätzliches Vertrauen, dass in den nächsten angespannten Monaten mehr als notwendig sein wird. Und das macht sie zum Gewinner. Und Gewinner brauchen wir nicht nur bei der RoHS-Umstel­lung. Wir brauchen Gewinner im globalen Wettbewerb, Gewinner in der Zukunftssicherung, Gewinner beim Erhalt von Arbeitsplätzen.

Die Chance haben wir. Wir müssen sie nur mit dem Einsatz, wie wir ihn schon oft in der Vergangenheit gezeigt haben, wenn wir an der Wand standen, nutzen. Hier können wir uns vom ausländischen Wettbewerb abheben. Denn Ordnungs­mäßigkeit ist eine Tugend die man den Deutschen zuordnet und die bei RoHS zwingend notwendig ist.

Ich freue mich auf den Erfolg, den wir dadurch erreichen kön­nen und möchte Sie nachdrücklich in ihrer Arbeit ermuntern durchzuhalten und den Sieg nach Hause zu tragen.

Die Chancen und Risiken bei der RoHS-Umstellung

Die RoHS-Umstellung kann ein erhebliches Risiko, aber auch eine Chancen für die Unternehmen bedeuten.

Die Risiken:

■ Das Projekt wird zu spät und nicht allumfassend behandelt. Das kann zum Geschäftsverlust führen, denn Kunden können nicht termingerecht mit RoHS-konformen Produkten beliefert werden.

■ Kundenanfragen werden nicht RoHS-spezifisch bearbeitet, was zur reduzierten Auftragsneugewinnung führt. Kalkulationen, Angebote, lfd. Produktpreise werden nicht auf RoHS-Belange angepasst. Aufträge können dadurch nur verlustbringend produziert werden.

■ Bleihaltige Materialbestände werden nicht abgebaut, sondern bauen sich weiter auf. Materialabschreibungen vernichten Kapital und Erträge.

Die Chancen:

Notwendige Prozessneuanpassung innerhalb der Unternehmen führt zur Risiko- und Bestandsreduzierung bei den Unternehmen.

Die Folgen sind reduzierte Gemeinkostensätze durch Verringerung der,

■ jährlichen Materialabschreibungen,

■ Finanzierungskosten für Materialbestände,

■ Ressourceneinsparungen innerhalb der indirekten Geschäftsprozesse,

■ verbesserte Steuerungsprozesse.

Damit einhergehen nennenswerte Ertragssteigerungen, die bei vielen EMS-Providern dringend notwendig sind. Qualifiziertes Bedienen von Produkten nach RoHS-Standard schafft Vertrauen bei den Kunden und verbessert die Kundenbindung. Das führt zu einem Wettbewerbsvorteil. Der Preisvorteil der „Billiganbieter”, die RoHS nicht allumfassend bedienen können, verliert an Priorität. Wir erreichen endlich das was wir benötigen, das was wir verdienen: Qualität geht vor Preis.

In Summe führen diese Maßnahmen zur verstärkten Gewinnung von Neuaufträgen bzw. die Unternehmen werden potenzieller Partner für Outsourcing-Projekte.

„Begreifen Sie RoHS als Chance”

„Viele Probleme, die durch das RoHS-Projekt bei der prozesstechnischen Qualifikation außerhalb der Fertigung, insbesondere der Materialwirtschaft offensichtlich werden, sind schon heute eine Belastung für die Unternehmen. Belastungen, welche die Unternehmen im Wachstum behindern und die in der Auswirkung zu wettbewerbsunfähigen Preisen führen. Genau hier liegt die Chance innerhalb der RoHS-Umstellung.

Überall, wo im Zuge der Umstellung echte Prozessanpassungen vorgenommen wurden, reduziert sich das Altmaterial und Lagerumschläge verbessern sich spürbar. Lagerumschlage von 2 bis 4 turns gehören der Vergangenheit an. Für alle die, die allerdings so weiter machen wie zuvor, ist die Verschrottungsgefahr von ca. 30% wahrscheinlich und das mit allen Auswirkungen, die damit verbunden sind.”

(Hubertus Andreae)

Steht Ihr RoHS-Projektplan?

Der Prozessexperte empfiehlt für die RoHS-Umstellung die Bildung eines Projektteams mit folgenden Aufgaben:

■ Bestimmung eines technisch/kaufmännisch denkenden und handelnden Projektleiters,

■ Bildung eines bereichsübergreifenden Projektteams,

■ Erstellung eines umfassenden Projektplans,

■ umfassende Schulung aller Mitarbeiter,

■ Produktanalysen,

■ umfassende Prozessanalysen auf die möglichen Einflüsse durch RoHS,

■ Prozessmodifikation: Ordereingang, technologische Orderdifferenzierung, Umstellung der Materialbestellungen, Wareneingangsneuausrichtung, Selektive Materialeinlagerung und -auslagerung, differenzierte Fertigungssteuerung, technologische Prozessmodifikation, Produktqualifizierung, etc.,

■ EDV-Anpassungen, um die technologische Differenzierung in allen Unternehmensprozessen und in allen Bereichen zu erkennen und zu steuern,

■ Lagerbestandsanalyse, -trennung, und -kennzeichnung,

■ Vertragsmodifikation,

■ Projektaudit,

■ Prozessanpassungen mit externen Partnern: Kunden - Lieferanten,

■ Investitionsplanung und

■ technische Fertigungsqualifizierung.

Wer zu spät kommt …

Noch fällt Auftragsfertigern und EMS-(Electronic Manufacturing Service-)Providern die Fehlentwicklung bei der Umstellung auf RoHS nicht auf, da sich der Kundendruck in Grenzen hält. Wenn aber dieser Punkt überschritten ist und der Dienstleister keine konzeptionelle Klarheit hat, das Vertrauen signalisiert, dann werden dann werden und müssen die Kunden handeln. Volumenumklappung und Verlagerung werden die Folge sein zu Lasten der bisherigen Produzenten. Ein OEM braucht einen EMS der qualifiziert RoHS-konform fertigen und dem er Vertrauen entgegenbringen kann. Oft schätzen Unternehmen die Betroffenheit von RoHS falsch ein. Sie meinen nicht oder nur geringfügig betroffen zu sein, da die Produkte, die gefertigt werden, nicht zu den umstellungspflichtigen Klassen gehören. Dies kann ein schwerwiegender Irrglauben sein.

Schon seit Monaten zeichnet sich ab, dass trotz Ausnahmeregelung OEMs in Automotive, Medizin- und Sicherheitstechnik hochgradig an einer frühzeitigen, freiwilligen Umstellung interessiert sind. Sie wollen einen nachzuvollziehenden Marketingeffekt am Markt für sich nutzen. Diese Unternehmen bringen dem Dienstleister, der dem nicht folgen kann, nur wenig Verständnis entgegen, denn er behindert sie in einer wichtigen Vorwärtsstrategie.

*Hubertus Andreae ist Experte für Materialwirtschaft und Prozessoptimierung. Zusätzliche Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind die sichere RoHS-Überleitung in den Einkaufs- und Vertriebsprozessen sowie Vorträge und Seminare zu diesem Thema.

dreiplus Tel. +49(0)30 84417913

Redakteur: Claudia Mallok

ELEKTRONIKPRAXIS NR. 17 - 9. September 2005

ElektronikPraxis

Kategorie: 2005 | RoHS/EuP | Veröffentlichungen

RoHS ist Chefsache

Alle Bereiche in einem elektronikproduzierenden Unternehmen sind gefordert - ein Praxisbericht

Die erfolg­reiche, fristgerechte Umstellung auf RoHS ist das wichti­ge Projekt, um die Zukunft eines elektronikproduzierenden Unternehmens abzusichern.

OEMs, die im europäischen Wettbewerb mithalten und auch künftig den Weltmarkt bedienen wollen, brauchen RoHS-konforme Produkte. Voraussetzung sind zuverlässige Fertigungs­partner im eigenen Haus oder EMS-Provider, die die fertigungstechnische Qualität in der kritischen Übergangszeit und danach sicherstellen können.

Hubertus Andreae*

In den letzten Monaten ist ein selektiver Stimmungswandel zum Thema RoHS bei den Elektronikproduzenten festzustellen. Anhand der Reaktionen kann man sie in folgende Gruppen einteilen.

Die Gewinner

Unternehmen, die die Notwendigkeit und die Chance in­nerhalb der RoHS­-Umstellung erkannt haben und mit Nachdruck an der Umstellung arbei­ten. Diese Unternehmen gehören heute teilweise noch nicht zu den TOP der EMS (Electro­nic Manu­facturing Service-Provider), aber das Vorgehen innerhalb des Projektes und die Erfol­ge in der Prozessoptimierung lassen jetzt schon einen Wandel erkennen.

Es ist zu erwarten, dass sich die Spitzengruppe der EMS in Deutsch­land im Jahre 2006 erheblich ver­ändern wird. Die Mitarbeiter aller Bereiche, die Führungskräfte, die Geschäftsführer dieser Unternehmen sind umfassend RoHS-qualifiziert, Projektteams arbeiten an der Umset­zung. Unternehmensspezifische Lösungen sind implementiert, EDV-Lösungen sind erarbeitet und finden Anwendung.

Schon jetzt sind Kennzahlenopti­mierungen zu erkennen. Das anfäng­liche Risiko einer Verschrottung von ca. 30% des Lagerbestandes ist ge­bannt und eine Reduzierung auf ein erträgliches Maß ist zu erwarten. Auch wenn bei den Unternehmen die Pro­jektumsetzung unterschiedlich fortge­schritten ist, so ist das Projekt so klar und zielgerichtet aufgesetzt, dass der Erfolg sich einstellen wird.

Die Mehrzahl

Unternehmen schicken einige, wenige Mitarbeiter zu Fachseminaren. Diese Mitarbeiter erkennen schnell und umfassend die Notwendigkeiten innerhalb ihres Unternehmens. Ein übergreifendes Projektteam besteht noch nicht und man hat erhebliche Zweifel, die Umsetzung im eigenen Unternehmen zu beschleunigen und die Wichtigkeit vermitteln zu können.

Oft höre ich folgende Aussagen von den Seminarteilnehmern: „hier sollte mal mein Vorgesetzter oder Geschäftsführer teilnehmen”, „für das Projekt RoHS bekommen wir nicht die notwendige Zeit”, „hätte ich mal noch einige Kollegen mitgenommen”, „in meinem Unternehmen stehe ich alleine da”. Die Teilnehmer der Seminare sind zu zwei Drittel Techniker und ein Drittel Einkäufer. Geschäftsführer sind eher die Ausnahme, Vertriebsmitarbeiter fehlen in der Regel.

Diese Unternehmen arbeiten an der Umstellung aber nicht bereichsübergreifend und konsequent. Das Projekt wird „halbherzig” betrieben oder unterschätzt. Die unternehmerischen Risiken sind überproportional hoch und können bei diesem Vorgehen nur geringfügig reduziert werden.

Die möglichen Verlierer der Umstellung

Die möglichen Verlierer haben RoHS entweder noch nicht oder als rein technisches Thema wahrgenom­men. Oft wird die Umstellung rein technologisch betrachtet und verfolgt oder man glaubt an einen „weichen” Übergang. Man meint, die Kunden werden nicht umstellen wollen, lassen einem genügend Zeit, um die Umstel­lung operativ schadlos zu realisieren oder man wird das Altmaterial geset­zeswidrig verarbeiten.

Diese Unternehmen werden zu den Verlierern gehören. Sie werden die RoHS-Umstellung nicht überstehen oder sich als Ersatzlösung nur noch in den alten bleihaltigen Prozessen be­wegen. Das kann und darf aber nicht die Ausrichtung in die Zukunft sein.

Warum gibt es diese sehr unter­schiedlichen Positionierungen?

Wie so oft ist es abhängig von der Unternehmensleitung. Wenn die Ge­sellschafter oder Geschäftsführer die Chance innerhalb der RoHS-Umstel­lung erkennen und Ihren Mitarbeitern einen eindeutigen Auftrag geben, dann ist der positive Wandel auf dem richtigen Weg. Die Fachbereiche müs­sen sich innerhalb eines Projektteams zusammenraufen. Techniker und Kauf­leute - das wird mir immer wieder be­stätigt - arbeiten heute nicht interes­sensfokussiert zusammen.

Abteilungsdenken und Abschottun­gen sind immer noch stark vertreten. Das muss überwunden werden! Überall da, wo man dieses neue Vertrauensverhältnis aufgebaut hat, wo man eine gemeinsame technisch/ kaufmännische Verpflichtung ein­gegangen ist, sind die Erfolge beein­druckend. Vertriebsmitarbeiter, Ein­käufer, Fertigungsexperten, Quali­tätsverantwortliche bringen sich ge­meinsam ein und durchbrechen bis­herige Mauern der Unmöglichkeit. Wer sich mit RoHS ernsthaft beschäf­tigt, stellt fest, ohne diese übergrei­fende Zusammenarbeit ist es nicht zu schaffen.

Die nicht genutzte Chance!

Die produzierenden Unternehmen benötigen praxisorientierte Hilfe und keine Marketingveranstaltungen in denen theoretische Betrachtungen auf gut gestaltenden Folien im Vorder­grund stehen. Viele Mitarbeiter be­stätigen es. Seminare zum Thema RoHS werden nur als Marketingin­strument genutzt, d.h. Selbstdarstel­lung steht vor Aufklärung und Hilfe­stellung.

Hiermit hat man leider eine Chance von Seitens der Anbieter vertan, aber noch viel schlimmer, man hat viele Teilnehmer abgestumpft gegenüber diesem Thema oder in Teilsegmenten falsch informiert. Ein Zustand der noch heute nachhaltig wirkt.

Wo steht der OEM-Markt?

Ein seltsamer Trend ist zu erken­nen. Die Unternehmen, deren Pro­dukte von der RoHS befreit sind, drängen die EMS mit Umstellungs­wünschen bereits im Jahr 2005. Die anderen Unternehmen, die umstellen müssen, sind unschlüssig, haben teil­weise ihre Produkte noch nicht ein­mal klassifiziert, kennen die Umset­zungsbedingungen und Anforderun­gen nur lückenhaft.

Wo stehen die produzierenden Unternehmen im europäischen Ausland?

Meine Seminare in Großbritannien, der Schweiz, Österreich, Ungarn und der Türkei zeigen, dass die Unterneh­men im Ausland nicht besser, nein, eher sogar schlechter aufgestellt sind als die deutschen Unternehmen. Die­se Firmen liegen mit der Umstellung ihrer Prozesse noch erheblich zurück. Auch das kann für die deutschen Produzenten eine Chance sein!

Haben die deutschen Unterneh­men, die die Umstellung ernsthaft und kostenaufwändig betreiben, einen Wettbewerbsnachteil?

Die OEM, die im europäischen Wett­bewerb mithalten und auch in Zu­kunft den Weltmarkt bedienen wollen, benötigen RoHS-konforme Produkte. Sie brauchen zuverlässige Elektronik­produzenten, die die fertigungstech­nische Qualität in der kritischen Übergangszeit und danach sicherstel­len können. Infolge optimierter indi­rekter Unternehmensprozesse bergen diese Fertigungspartner zudem keine nennenswerten finanziellen Risiken mehr in sich und haben ihre Perfor­mance erheblich verbessert. Das kann nur heißen, RoHS als ein für die Zu­kunft absicherndes Projekt annehmen und umsetzen.

„Nehmen Sie die Umstellung ernst!”

„Nach anfänglichen Anlaufproblemen haben die deutschen Elektronikunternehmen die Umstellung auf RoHS erfolgreich gemeistert.”

„Die befürchteten Abschreibungen von 30% des Lagerbestandes konnten reduziert werden - der Durchschnitt lag nur noch bei 10%.”

„Die Prozessanalysen und notwendigen Modifikationen haben die deutschen Elektronikunternehmen in ihrer Wettbewerbsfähigkeit erheblich gestärkt.”

„Die deutschen Produzenten von elektronischen Baugruppen gehören wieder zur Weltspitze.” -

„So könnten die Schlagzeilen Ende 2006 lauten, wenn die betroffenen Unternehmen die Chance nutzen würden, um im Zusammenhang mit der RoHS-Umstellung auch Prozessmängel in den unternehmensübergreifenden Prozessen zu beseitigen”, mahnt Hubertus Andreae. „Allerdings”, konstatiert der Prozessexperte, „ist die Mehrzahl der Elektronikproduzenten im Moment davon weit entfernt.”

„Nehmen Sie die Umstellung ernst. Eine Fehlentscheidung kann nachhaltig Ihr Unternehmen gefährden”, warnt Andreae und appelliert, „bilden Sie kurzfristig Koalitionen mit Ihren Kunden und vertrauenswürdigen Lieferanten. Bilden Sie Teams innerhalb Ihres Unternehmens mit Mitarbeitern, die dieses Projekt nicht als lästiges neues Arbeitsfeld betrachten, sondern als Herausforderung und Chance ansehen. Es gibt genügend Beispiele, wo Mitarbeiter nach einer qualifizierten Schulung ihre skeptische Haltung zum RoHS-Projekt aufgegeben haben und hochmotiviert an der Umsetzung mitarbeiten. Solch ein Projekt kann einen Neuanfang für die Mitarbeiter und für das Unternehmen bedeuten. Nutzen Sie diese Chance!”

Übergreifend Handeln

Der Prozessexperte empfiehlt die Bildung eines Projektteams für die RoHS-Umstellung mit folgenden Aufgaben:

■ Bestimmung eines technisch/kaufmännischen denkenden und handelnden Projektleiters

■ Bildung eines bereichsübergreifenden Projektteams

■ Erstellung eines umfassenden Projektplans

■ Umfassende Schulung aller Mitarbeiter

■ Produktanalysen und Klassifizierung

■ Umfassende Prozessanalysen auf die möglichen Einflüsse durch RoHS

■ Prozessmodifikation:

- Ordereingang, technologische Orderdifferenzierung

- Umstellung der Materialbestellungen

- Wareneingangsneuausrichtung

- Selektive Materialeinlagerung und -auslagerung

- Differenzierte Fertigungssteuerung

- Technologische Prozessmodifikation

- Produktqualifizierung, etc.

■ EDV-Anpassungen, um die technologische Differenzierung in allen Unternehmensprozessen und in allen Bereichen zu erkennen und zu steuern

■ Lagerbestandsanalyse, -trennung, -kennzeichnung

■ Vertragsmodifikation

■ Projektaudit

■ Prozessanpassungen zu den externen Partnern: Kunden - Lieferanten

■ Investitionsplanung

■ Technische Fertigungsqualifizierung

30% des Lagerbestandes drohen Schrott zu werden

Bei der RoHS-Umstellung müssen alle Produkte, Verfahren, Prozesse und Bauelemente auf den Prüfstand. Das gilt auch für die nicht wertschöpfenden Prozesse. Folgende Beispiele verdeutlichen, wie schwierig und komplex die Umstellung für die Materialwirtschaft ist:

■ Fast alle der bisher verwendeten Bauelemente eignen sich nicht für die neuen „Bleifrei”-Prozesse.

■ Alle Verträge mit den Kunden und Lieferanten sind heute technologisch undifferenziert und müssen auf den Prüfstand um Risiken in 2006 zu minimieren.

■ Lagerbestände müssen den Technologien zugeordnet werden und sind neuen Artikel-Nr.-Kreisen zuzuordnen.

■ Nicht Dreher bzw. Bestände mit Reichweiten über Q3/2005 müssen schnellstmöglich ermittelt, verbraucht, verkauft oder verschrottet werden.

■ Neubestellungen und Neuverträge sind bezogen auf die Technologie zu differenzieren und in den EDV-Prozessen entsprechend abzubilden.

■ Traceability bekommt aus der Sicht der Umstellung höchste Bedeutung um Haftungsschäden von Feldausfällen zu vermeiden.

Der Prozessexperte erkennt schon an diesen wenigen Beispielen sehr schnell, dass alle Fachbereiche eines Unternehmens gefordert sind und die Hauptproblematik der unausweichliche Stichtag ist.

Das ist auch die Ursache dafür, dass die Fachleute damit rechnen, dass 30% der Lagerbestände nicht mehr verwertet werden können, unabhängig von den Ausnahmeregelungen die vermutlich ebenfalls, zumindest im Kfz-Bereich, in naher Zukunft aufgehoben werden.

Wichtig, um diese Abwertung zu minimieren, ist ein ganzheitliches Vorgehen, straffes unternehmensübergreifendes Projektmanagement und eine verbesserte Zusammenarbeit zwischen der Technik und der Materialwirtschaft und dem Vertrieb.

Unternehmensübergreifendes Projektmanagement, Synchronisation mit Lieferanten und Kunden

Darüber hinaus muss eine saubere Prozesssynchronisation zwischen den Kunden, Produzenten und Lieferanten erfolgen. Ohne diese Synchronisation wird eine ganzheitliche Lösung nicht möglich sein. Es ist nach heutiger Sicht zu befürchten, dass jeder der Beteiligten die Fehler auf den Anderen schieben wird, um sich schadlos zu halten. Teilweise sogar mit recht, da die Übergangsprozesse nicht festgelegt wurden. Der Druck der Beteiligten wird sich auf Grund der fehlenden Maßnahmen bis zum Juli 2006 erheblich erhöhen.

Sofortiges Handeln ist dringend erforderlich. Die Unternehmen, die bereits ein aktives Projektmanagement aufgesetzt haben, werden langfristig zu den Gewinnern gehören. Sie müssen nämlich zeigen, dass sie die Supply Chain wirklich beherrschen, d.h. von der Vorratshaltung in der Materialwirtschaft auf eine dynamische Versorgung umgestellt haben und sie müssen professionell das Risikomanagement anwenden.

Alles Dinge, die Elektronikproduzenten helfen, über die RoHS-Umstellung hinaus in Deutschland wieder wettbewerbsfähig Produkte zu produzieren und zu vermarkten, Abschreibungen zu reduzieren, Materialgemeinkosten weit unter 10% zu drücken und erhöhte Flexibilität zu leben. Wer also in der „lästigen” Umstellung die Chance erkennt, wird keine Mühe scheuen, diese Herausforderung zu beherrschen.

Die Basis für diesen Praxisbericht bilden meine ca. 45 Seminare und Fachvorträge zur RoHS-Umstellung und Materialwirtschaftoptimierung innerhalb der letzten acht Monate vor ca. 1300 Teilnehmern sowie u.a. diverse Unternehmensanalysen, RoHS-Audits und RoHS-Projektarbeiten.

(Hubertus Andreae)

*Hubertus Andreae, Inhaber der Prozessberatung DREI PLUS, praxisbegleitende Innovationsförderung, ist Experte für Materialwirtschaft und Projektmanagement. Ein zusätzlicher Schwerpunkt seiner Tätigkeit sind die sichere RoHS-Überleitung in den Einkaufs- und Vertriebsprozessen sowie Seminare und Vorträge zu diesem Thema. Andreae hat u.a. in verschiedenen Elektronikunternehmen Schlüsselpr­ojekte durchgeführt und geleitet.

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dreiplus Tel. +49(0)30 84417913

Redakteur: Claudia Mallok

ELEKTRONIKPRAXIS Marktreport Bleifrei - April 2005

ElektronikPraxis

Kategorie: 2005 | RoHS/EuP | Veröffentlichungen

Richtige Prioritäten setzen

Wie sich Elektronikfertigung in Deutschland nachhaltig stärken lässt

Bei Produzenten von elektronischen Baugruppen schlägt die Materialwirtschaft mit einem Anteil von 60 bis 80% in Unternehmensumsatz und -ertrag zu Buche:

Etwa 5% Kostenänderungen in den Materialwirtschafts- und Finanzbereichen stehen ca. 25% Kostenänderungen in der Produktion gegenüber. Wer also auf die Material- und Finanzstruktur Einfluss nimmt, erzielt einen größeren Erfolg, als mit reinen Lohnkostenvorteilen außerhalb von Deutschland erreichbar ist. Voraussetzung ist ein ganzheitliches Denken und Handeln über alle Unternehmensbereiche.

Hubertus Andreae*

Elektronikproduzenten haben seit Jahren Wirtschaftskennzahlen, die zwar oft dem deutschen Durchschnitt entsprechen, aber nicht dem Marktbedürfnis und heutigen Möglichkeiten. Rd. 400 000 verlorene Arbeitsplätze in der deutschen Elektronikbranche sind der Beweis. Ein Beispiel für falsches Kennzahlenbewusstsein sind Lagerumschläge von 2 bis 4 Turns und Materialabschreibungen von bis zu 5% pro Jahr.

Unternehmen, die die Prozesskette schon heute in Deutschland beispielhaft beherrschen, können selbst in Segmenten von kleinen und mittleren Serien, Lagerumschläge von 6 bis 8 Turns und Abschreibungen <1% realisieren- Voraussetzung sind verbesserte Arbeits- und Analyse-Tools für den Einkauf (werden fast nie durch die PPS-Systeme als Standard angeboten), ein echtes unabhängiges Einkaufs-Controlling und eine auf das Unternehmen ausgerichtete Prozessoptimierung innerhalb der unterschiedlichen Fachbereiche. Neuartige Simulations-Tools bewirken zusätzlich, frühzeitiges Erkennen von Problemen bevor der „Schaden” im Lager eingetreten ist.

Dagegen handeln klassische Einkaufsorganisationen, was das Lagermanagement betrifft, heute oft noch rückwärts gerichtet. Zu diesem Zeitpunkt ist dann aber in der Regel das Kind bereits in den Brunnen gefallen. Allein diese Maßnahmen bewirken einen enormen Finanzierungs- und Kostenvorteil. Experten bestätigen allein hierbei ein Potenzial von 30 bis 50%.

Materialwirtschaftsmanagement wird immer wichtiger

Die Bedeutung dieses veränderten Materialwirtschaftsmanagement wird heute und künftig noch wichtiger, da die Bedarfswelt der Endkunden bzw. OEM (Original Equipment Manufacturer) mehr und mehr sprunghaft aufgestellt ist. Viele Produzenten wissen sich hierbei nur mit einer Pufferlagerung zu helfen. Die Finanzierungskosten sind zwar nicht erwünscht, aber das geringere Problem. In die dadurch eintretenden länge­ren Verweilzeiten, strahlen erheblich wichtiger die Pro­bleme der Kundenabwande­rungen, Insolvenzen oder auch die technischen Ände­rungen hinein. Material kann nicht mehr verwendet wer­den, keine Kostenübernahme durch den Kunden, die letzte Lösung - Abschreibungen.

Sinnvolle Prozessketten zwischen Kunde und Lieferant knüpfen

Ein weiteres wichtiges Optimierungssegment ist die sinnvolle Verknüpfung von Prozessketten zwischen den Kunden, Produzenten (Ver­trieb, Einkauf, Arbeitsvor­bereitung) und Lieferanten. Störungen die hier auftreten, wirken für jedes Unterneh­men kritisch d.h. kosten-und risikotreibend. Zu spät erkannte Bedarfe führen z.B. zu Notkäufen des Einkaufs, um die Lieferfähigkeit sicher­zustellen. Die Preisstellung ist hierbei oft fast Neben­sache. Sonderaktionen in der Fertigung führen zur Ver­schwendung von Ressour­cen, Ersatzprozesse zu Feh­lern und erhöhten Kosten.

Oft sind die Einkaufsbe­reiche nicht die Problemver­ursacher, sondern teilweise sogar die Opfer. Sie müssen ausbaden, was an Prozess­mängeln in den Unterneh­men um sie herum verur­sacht wird. Unkritische Be­trachter sehen immer nur die Lieferverzüge oder Be­stände. Gleiches gilt für die Fertigung und den Vertrieb.

Ganzheitlich über alle Unternehmensbereiche denken und handeln

Es wird dringend Zeit, ganzheitlich zu denken und zu handeln, stets das gesam­te Unternehmen zu betrach­ten und endlich die Gräben zwischen Technik und Kauf­leuten zu überbrücken. In meinen vielen Unterneh­mensanalysen, Vorträgen und Seminaren erhalte ich Zustimmung zu diesen Prob­lembewertungen und es wird oft sogar Bereitschaft für einen Neuanfang signalisiert. Leider finden sich in den Unternehmen zu wenig Ver­bündete um diese Prozesse anzuschieben. Allerdings sind dort, wo die Geschäfts­leitung den Handlungsbe­darf erkannt hat, Verände­rungen in ungeahnten Größenordnungen möglich.

Um einen Neuanfang erfolgreich zu starten, sind die Prozesse spezifisch für jedes Unternehmen genaue­stens zu untersuchen, auf­einander abzustimmen und neu auszurichten. Die Ver­fahren sind vielfältig und unternehmensabhängig und sollten von prozesserfahre­nen Personen geleitet wer­den. Die Folge sind eine er­heblich verbesserte Prozess­transparenz und eine hohe Reaktionsfähigkeit.

Den Einkaufsorganisatio­nen müssen ebenfalls ent­weder verbesserte EDV-Tools oder freie Kapazitäten zur Verfügung stehen, um auf die wechselnden Bedarfe der Fertigung schnell reagieren zu können.

Wer das nicht beachtet, kann die Möglichkeiten, die die Materialwirtschaft mit einem Anteil von 60 bis 80% auf Unternehmensumsatz und -ertrag hat, nicht aus­schöpfen. Unternehmen, die dies in ihrer Organisations­form berücksichtigen und auch innerhalb der Geschäfts­leitung dem Einkauf den not­wendigen Stellenwert zubilli­gen, werden auch mit deut­schen Produktionsstandorten im internationalen Wettbe­werb weiter bestehen. Aus­schließlich technologiegetrie­bene Unternehmen, werden ihre Position verlieren.

Die Wirkung einer derart leistungsstarken Organi­sation, kann man an einigen Kennzahlen schnell erken­nen. Reaktionszeiten von Auftragseingang bis zur Auslieferung, Durchlaufzeiten, Häufigkeiten von Eildienst­zuschlägen, Liefertreue auf Basis von Auftragsbestäti­gung und Kundenbestellung spiegeln die Situation wider.

Auch den Bauteile­lieferanten in die Prozesse miteinbeziehen

Die Kernkompetenz vieler Bauteilelieferanten liegt nicht auf der technologi­schen Seite, wie beim Bau­gruppenproduzenten, son­dern auf der Materialwirt­schaftsseite. Es werden Hun­derttausende Artikel bewegt, organisiert, gemanagt. Tau­sende von Kunden oft indivi­duell betreut, Komplexität steht im Vordergrund. EDV-Verfahren und Prozessbe­herrschung spielen hierbei eine entscheidende Rolle.

Warum nutzen Produzen­ten diese Fähigkeiten noch zu wenig? Warum ist man sel­ten bereit, Teile der Material­wirtschaft zu verlagern? Ver­gleicht man die Sachlage bei Outsourcing-Projekten zwi­schen OEM und EMS sowie zwischen EMS und Distibu­tor, stellt man eine entgegen­gesetzte Situation fest. Der OEM sucht oft eigenständig einen geeigneten Produzen­ten und transferiert seine Fertigung zum EMS. Er trans­feriert eine seiner Schlüssel­kompetenzen, mit großen wirtschaftlichen Vorteilen.

Bei Outsourcing-Projek­ten der Materialwirtschaft ist der Sachverhalt umgekehrt. Lieferanten bieten ihre Hilfe und Möglichkeiten von sich aus an, werden aber von den Fachebenen abgewiesen. Misstrauen, Machterhalt und eine Fehleinschätzung gegenüber den Chancen, die sich damit auftun würden, stehen im Mittelpunkt. Die Unternehmen tun sich ein­fach schwer, in den sensib­len wirtschaftlichen Zusam­menhängen ihre Kosten­strukturen gegenüber den Lieferanten offen zu legen. Zudem ist immer wieder festzustellen, dass die unter­schiedlichen Parteien keine gemeinsame Sprache spre­chen und somit der Lösung nicht näher kommen.

Ein Lösungsweg kann sein, sich neutrale erfahrene Partner, die aus der Welt der Produzenten kommen und die Nöte kennen, als Pro­jektmanagementunterstüt­zung ins Haus zu holen und mit ihnen gemeinsam diese Prozesse aufzubauen. Diese Personen sind dem Erfolg verpflichtet und nicht Betroffene wie möglicher­weise Einkäufer die bisher mit den Lieferanten verhan­delt haben.

Vorteil: Es werden tem­porär Zusatzkapazitäten ge­schaffen und das Rad muss nicht neu erfunden werden, sondern man kann zügig nach einer qualifizierten in­ternen Prozessanalyse die notwendigen Maßnahmen angehen.

Weiterer Vorteil:

Diese Interimsmanager sind nicht einem bestimmten Lieferanten verpflichtet, sondern können individuell die Auswahl treffen. Leis­tungsbezogene Entlohnung erhöht die Erfolgswahr­scheinlichkeit.

Es gibt noch weit mehr Möglichkeiten, um sich auch in Deutschland auf dem Weltmarkt der Produzenten, nachhaltig und längerfristig zu behaupten. Dazu gehören ein praxisorientiertes Risiko­management, verbesserte Vertriebsprozesse, Vertrags­möglichkeiten und Weiter­bildungsmaßnahmen, aber auch Artikelnummerredu­zierung, Festlegung von Vor­zugstypen und -herstellern, Fest- und Vorzugstypenrüs­tung auf den Bestücklinien bergen enormes Potenzial der Kostenverbesserung (siehe Tabelle S. 2). Alles samt Prozesse die nicht ein­fach zu organisieren sind, aber der Qualifikation in Deutschland erheblich mehr entsprechen als der Versuch bei unserem hohen Lohnniveau mehr operative „Masse” zu realisieren.

Materialwirtschaft und RoHS

Aus Sicht der Materialwirtschaft besteht zwischen den Risiken in der Umstellung auf RoHS und den hier aufgeführten Problemen eine Verbindung. Das Bestandsrisiko von Verschrottung im Lager von bis zu 30% wäre wesentlich geringer, wenn wir schon frühzeitig unsere Organisationen umgestellt hätten.

Unternehmen, die dies getan haben, werden es bestätigen. Diese Unternehmen gehen risikoreduziert in die Umstellung und Wettbewerbsgestärkt in die Zukunft.

„Wir sollten endlich handeln und RoHS und die Prozessoptimierungen in und um die Materialwirtschaft zum „A”-Thema machen”, appeliert Andreae.

Technologie allein reicht nicht

Deutsche Elektronikproduzenten sind technologisch gut aufgestellt: In der Mehrzahl der Unternehmen steht ein moderner Maschinenpark und hochqualifizierte Mitarbeiter bedienen die Maschinen bzw. arbeiten in anderen Fachabteilungen. Man fragt sich, warum verlieren diese Unternehmen dennoch oft Aufträge an Produzenten in Osteuropa oder Asien?

Und warum haben einige wenige EMS (Electronic Manufacturing Service Provider) auch heute in Deutschland hohe zweistellige Zuwachsraten, während andere erhebliche Umsatzrückgänge verzeichnen?

Die Ursache liegt selten in der technischen Voraussetzung sondern schwerpunktmäßig in verbesserungswürdigen Prozessen um die Technik herum. Die kostentreibenden Hauptthemen sind Materialwirtschaft, Vertrieb, Prozessketten zwischen Kunden, Produzenten und Lieferanten (Supply Chain), EDV-Möglichkeiten, sowie zu lange Reaktions- und Durchlaufzeiten.

Alle diese Punkte haben einen erheblichen Einfluss auf die Kosten und führen in der Regel zu Wettbewerbsbeeinträchtigungen sowie zu überhöhten Abgabepreisen.

Wenn Elektronikproduzenten in diesen Tätigkeitssegmenten einen großen Teil ihrer Möglichkeiten ausspielen würden, wäre die Abwanderungsgefahr und somit die Arbeitsplatzvernichtung erheblich reduziert.

Experten sind sich einig: Es besteht ein Kostenoptimierungspotenzial bezogen auf durchschnittliche Industrieelektronikprodukte in Höhe von 15 bis 30%. Dass an dieser Stelle so wenig unternommen wird mag daran liegen, dass die Betroffenen die Wirkung unterschätzen, keinen vollständigen Kostengesamtüberblick haben oder zu sehr mit der Technik beschäftigt sind und somit falsche Prioritäten setzen.

Ich kann nur an alle kampfesbereiten Unternehmen appellieren, sich eingehend mit der Materialwirtschaft zu beschäftigen. Nur die Unternehmen, die unter großem Wettbewerbsdruck stehen, wie wir in Deutschland, werden diesen Hebel ansetzen.

Unternehmen die ausschließlich aus der Lohnstruktur ihren Vorteil ableiten wie z.B. in Osteuropa, sind an dieser Stelle oft nicht aktiv und folglich schlechter aufgestellt. Wenn man sich aber nochmals verdeutlicht, dass wir den genannten Maßnahmen auf eine Kostenstruktur von 60 bis 80% Einfluss nehmen, sind die Erfolge hierbei erheblich höher als die reinen Lohnkostenvorteile außerhalb von Deutschland.

Um den gleichen Kostenvorteil im Endpreis zu bewirken, muss man bei Kostenreduzierungen von 5% innerhalb der Materialwirtschaft und im Finanzbereich in der Fertigung eine Kostenänderung von 25% erzielen.

Das sollte Ansporn genug sein. (Hubertus Andreae)

*Hubertus Andreae, Inhaber der Prozessberatung dreiplus, praxisbegleitende Innovationsförderung, ist Experte für Materialwirtschaft und Projektmanagement. Ein zusätzlicher Schwerpunkt seiner Tätigkeit sind die sichere RoHS-Überleitung in den Einkaufs- und Vertriebsprozessen sowie Seminare und Vorträge zu diesem Thema. Andreae hat in verschiedenen Elektronikunternehmen Schlüsselprojekte durchgeführt und geleitet.

dreiplus Tel. +49(0)30 84417913

Redakteur: Claudia Mallok

ELEKTRONIKPRAXIS NR. 3 - 16. Februar 2005

ElektronikPraxis

Kategorie: 2005 | Prozessoptimierung | Veröffentlichungen