Genauso professionell wie die Fertigungsprozesse müssen Auftragsfertiger den Bauteileeinkauf und die Materialwirtschaft im Griff haben. Beides muss mit der gleichen Konsequenz und Nachhaltigkeit wie die technischen Prozesse entwickelt und kontinuierlich modifiziert werden.
In der aktuellen kritischen Beschaffungssituation treten die Schwächen vieler Einkaufsorganisationen in der EMS-Branche besonders deutlich zu Tage. Besonders betroffen sind die Organisationen, die sie sich prozesstechnische und kaufmännisch nicht ausreichend sicher aufgestellt haben.
EMS-Firmen, die ihr Materialwirtschaftskonzept hauptsächlich auf die reine Beschaffung konzentriert haben, leiden überproportional unter der aktuellen allokationsartigen Marktlage. Eskalationsmanagement, Preiserhöhungen, Lieferzusammenbrüche, ansteigende Lagerbestände von bis zu 30% sind die Folgen. Die Unternehmen haben es einfach in der Vergangenheit nicht geschafft, frühzeitig die Weichen in eine neue Materialwirtschaftswelt zu stellen. Heute straft sich dieses Versäumnis.
Die Besten der Branche stehen anders da. Natürlich haben auch diese Firmen Fehlteile, Preiserhöhungen usw. Doch erheblich weniger als die oben genannte Gruppe.
Was die besten Auftragsfertiger anders machen:
Zumindest kann man heute die Weichen stellen, damit sich diese kritische Lage nicht mehr in diesem Maße wiederholt. Ich möchte im Zusammenhang auf Teil 4 dieser Serie zum Zeitmanagement hinweisen. Natürlich benötigt man für die aufgeführten Maßnahmen Zeit. Doch was kostet das komplette „Notbeschaffungsmanagement“ an Zeit und Ertrag?
Die folgenden 7 Handlungsempfehlungen sind an die Unternehmen gerichtet, die besonders stark von der aktuellen Beschaffungssituation betroffen sind.
7 Empfehlungen für die aktuelle Bauteilsituation
Die Beschaffungssituation für elektronische Bauteile hat sich zugespitzt. Darum hat Hubertus Andreae, Experte für nicht technische Prozesse und Materialwirtschaft, 7 konkrete Empfehlungen zusammengestellt, wie Auftragsfertiger und EMS-Anbieter mit der aktuellen Situation umgehen und die Lage entschärfen können.
1. Beobachten Sie die Wiederbeschaffungszeiten
Ziehen Sie ihre Schlüsse daraus, d.h.
2. Terminieren Sie Aufträge realistisch
3. Gehen Sie Mahnprozesse konsequent an
Sie können sicher sein, der am lautesten ruft, erhöht seine Chance, dass er doch Material bekommt.
4. Streben Sie nachhaltige Versorgungskonzepte an
Alle qualifizierten Lieferanten sind an langfristigen stabilen Geschäftsbeziehungen interessiert. Diese Grundhaltung ist der Nährboden für eine strategische Geschäftsbeziehung, die auch in kritischen Liefersituationen besser funktioniert. Ich empfehle:
5. Vermeiden Sie verbrannte Erde zu hinterlassen
Die Nerven liegen blank, bei den Einkäufern genauso wie bei den Mitarbeitern der Distribution. Ich habe schwerwiegende Bedenken, wie die Schäden die auf der zwischenmenschlichen Ebene heute entstehen, in der nahen Zukunft wieder bereinigt werden können.
Trotzdem müssen wir uns bei aller Anspannung auch fragen, ob wir alle nicht auch einen Teil zu dieser kritischen Lage beigetragen haben.
Ich empfehle:
6. Ziehen Sie Ihre Schlüsse aus der Situation
Nur wer auch konsequent aus der Lage heute seine internen und extern Schlüsse zieht, wird in der Lage sein, eine Wiederholung zu vermeiden und sich für die Zukunft besser aufstellen. Unternehmen, die Sie in dieser Marktlage nicht fair behandeln, sollten Sie sich sehr genau merken.
7. Beharren Sie auf Vertragssicherung
In Zeiten wie diesen versuchen manche Lieferanten die sauberen kaufmännischen Regeln auszuhebeln, Verträge, Zusagen, Auftragsbestätigungen haben plötzlich keine Gültigkeit mehr. Wer das akzeptiert, öffnet die Tür für jegliche Art von Unkalkulierbarkeit. Daher rate ich:
Natürlich heißt Einkaufen auch Kämpfen, doch Kämpfen muss mit einem gehörigen Anteil Intelligenz verbunden sein. Sorgen Sie für Qualifikation im Einkauf, für die nötigen Werkzeuge und für ein gesundes Umfeld. Ein Umfeld bestimmt durch Ziele, Investitionsvolumen und ausreichend Zeit, um die Innovationen umzusetzen.
Eine Vertriebsdirektorin eines großen Halbleiterherstellers sagte mir letztens: „Ich hoffe das man sich nach der Allokation an meine Glaubwürdigkeit und meinen Einsatz erinnert“. Ich kann es ihr nur wünschen, denn nur der Einkauf der am gesamten Leistungsbild arbeitet und ein stabiles Wertegerüst hat, wird nachhaltig erfolgreich sein.
Professionelle Materialwirtschaft ist ein Erfolgsfaktor im EMS-Geschäft: Die Materialkosten mit ca. 65 bis 75% sowie die Material- und Steuerungsprozesse bilden zusammen ca. 70 bis 90% der Herstellkosten einer Baugruppe.
Hubertus Andreae - dreiplus