Welche Faktoren wirklich Erfolg versprechen

Outsourcing - Serie Teil I

Bei der Fertigungsverlagerung betrachtet man fast ausschließ­lich Abgabepreise und Fertigungstechnologien. Faktoren wie Gesamtkosten, Prozessführung und Umweltaspekte bleiben dabei oft außen vor. Prozessexperte Hubertus Andreae, der Autor unserer neuen Serie, sieht hier einen tief greifenden Fehler, aber auch eine Chance für den Standort Deutschland.

Bei der Entscheidung für einen EMS-Provider (EMS: Electronic Manufacturing Service), ist die Standortauswahl sehr bedeutend. Denn diese Entscheidung hat höchsten Einfluss auf die spätere Leistungsfähigkeit der Lieferkette sowie die Gesamtkosten. Neben den Fertigungsmöglichkeiten und den reinen Lohnkosten setzen sich heute die Entscheider für einen EMS oft nicht ausreichend mit weiteren wichtigen Aspekten auseinander. Diese sind u.a. die Nebenkosten, Betreuungsaufwände, Kosten für Ersatzprozesse, zusätzliche Leistungsmerkmale, die technische wie auch die prozesstechnische Qualität, die Supply-Chain-Management-Fähigkeit, logistische Kompetenz, EDV-Möglichkeiten, die echte Flexibilität, die Reaktionszeiten, die Rechtssicherheit, der Knowhow-Schutz, die Berechenbarkeit, die kulturellen Fragen und ganz aktuell zusätzlich der Umweltschutz.

Dies alles ist nur eine erste Auswahl von Kernpunkten, die mehr und mehr im Mittelpunkt der Entscheidungen beim Outsourcing stehen müssen. Denn all dies sind Faktoren, die bei der Auswahl eines Produzenten oder dem Produktionsstandort von herausragender Bedeutung sind.

Allerdings finden diese Punkte derzeit nicht genug Beachtung. Gründe sind die Zieldefinition, unser Zeitgeist, aber auch die Qualifikation der Einkäufer und Entscheider.

Um endlich nachhaltig besser zu werden, müssen wir unsere Entscheidungsprozesse verändern. Wir müssen weg von der „Geiz ist geil”-Mentalität, d.h. nur der Abgabepreis zählt, zur Gesamtkostenbetrachtung. Denn der ganzheitliche Weg ist, wenn er einmal richtig verstanden wurde, viel leistungsstärker, erfolgreicher und zumeist sogar kostengünstiger.

Weg vom Abgabepreis hin zur Gesamtkostenbetrachtung

An dieser Stelle möchte ich allerdings eine Lanze für viele Einkäufer brechen, denen gerne eine Teilschuld für den heutigen Zustand zugesprochen wird. Er kann gar nichts anderes tun, wenn seine Leistung ausschließlich am Einkaufspreis gemessen wird. Hier liegt das Grundübel. Die Leistung eines Einkäufers muss bei Weitem umfassender gemessen werden. Hier einige Anregungen:

■ an den Gesamtkosten (Transport, Zahlungsbedingungen, Betreuungsaufwand),

■ an der Lieferqualität,

■ an der Flexibilität der Zulieferer,

■ an der Prozessoptimierung innerhalb der Gesamtprozesskette,

■ an der Entwicklungsleistung der Zulieferer,

■ an der Beständigkeit der Zulieferer,

■ am Ertrag des Unternehmens, der maßgeblich von der Materialwirtschaft bestimmt wird.

In der bevorstehenden Serie möchte ich weiterführend zu meinen Veröffentlichungen der letzten Jahre die Gesamtleistungs- und Kostenbetrachtung analysieren und Wege aufzeigen, wie man bei der richtigen Standort- und Produzentenauswahl erfolgreicher sein kann. Mit einfügen möchte ich in diese Betrachtung aber auch noch den Umweltgedanken, der unser Handeln in den nächsten Jahren viel mehr bestimmen wird als wir uns das heute noch vorstellen können.

Hier steht der Industrie ein langer, steiniger Weg bevor, wie wir bereits beim Thema RoHS und Eco-Design gesehen haben oder noch sehen werden. Offensichtlich ist den Menschen noch nicht ausreichend bewusst, dass wir uns diesen überlebenswichtigen Themen nicht weiter verschließen können.

Gerade bei diesen Themen sollte Deutschland eine Vorreiterrolle einnehmen, die wir viel besser besetzen können als viele Schwellenländer. Hier zu Lande ist die Qualifikation, das Knowhow, aber auch der Druck vorhanden. Dies kann und wird der Unterschied sein zur ständigen Niedriglohndiskussion.

Energie einsparen und umweltsensibel produzieren

Somit haben wir eine einmalige Chance, die wir zu unseren Gunsten nutzen können. Das heißt aber nicht warten, sondern den Weg selbst bestimmen und Maßstäbe setzen. Ich möchte nochmals betonen, dass wir schon in kurzer Zeit nicht mehr umhinkommen, Lösungen zu entwickeln, um Energie einzusparen und umweltsensibel zu produzieren.

Ich möchte aber unterstreichen: Ich bin kein grundsätzlicher Gegner der Globalisierung. Es gibt keine Lösung gegen einen Standort z.B. in China. Selbstverständlich sind Produktionen in China oder anderen Schwellenländern sinnvoll. Zumindest immer dann, wenn dort spezifische Rahmenbedingungen und ausreichendes Knowhow vorhanden ist, das wir nicht bieten können oder wenn dort die Märkte sind, die bedient werden sollen. Wir müssen nur einfach zurückkommen zu Entscheidungen, die einen ganzheitlichen Nutzen bringen.

Für mich ist aber auch klar, dass alle Produkte, die für den europäischen Markt gedacht sind oder die ein sehr hohes Knowhow erfordern, hier in Deutschland besser angesiedelt sind.

Lassen Sie uns in der Elektronikindustrie, die die Branche der Zukunft darstellt, nicht die gleichen Fehler machen wie in der Fotoindustrie, Konsumgüterindustrie und in vielen Technologien, die wir in den letzten Jahrzehnten in Deutschland abgegeben haben und nun nicht mehr zurückholen können, auch wenn es sinnvoll wäre.

Wir alle sollten die Herausforderung annehmen, Erträge durch verbesserte Gesamtprozesse zu erhöhen und dadurch die notwendigen Investitionen leisten zu können, die Innovation benötigt. Wenn wir dann alle verstehen, dass bei Leistungsvergleichen am ganzen Bild gearbeitet werden muss, d.h. Gesamtkosten und Gesamtleistung verglichen werden, dann ist mir um Deutschland nicht bange.

Empfehlungen für die Auswahl eines geeigneten Dienstleisters

Hier ist ein kleiner Themenkatalog als ergänzender Leitfaden bei der Auswahl eines geeigneten Dienstleisters:

■ Detaillierte Analyse der Auftragssteuerung und Abbildung eines ausgefeilten Supply-Chain-Managements.

■ Überprüfung der internen und externen Regelkreise bei dynamischen Bedarfsveränderungen.

■ Schnelligkeit der internen Geschäftsprozesse unterstützt durch intelligente Lösungen.

■ Standortentscheidungen auf Basis eines optimierten Material- und Informationsflusses.

■ Beistellungen sind zu vermeiden.

■ Einkaufsprozesse müssen die Fähigkeit haben, die Vielfalt und Dynamik kostengünstig und leistungsstark abzubilden.

■ Logistische Prozesse sollten umfangreich vorhanden sein.

■ Die EDV-Möglichkeiten sollten ein starkes Fundament sein für eine Ressourcen sparende Abbildung der Geschäftsprozesse.

■ Ein Netzwerk von Kennzahlen spiegeln die Fähigkeiten eines Unternehmens wider und sind ein gutes Frühwarnsystem.

In weiteren Kapiteln dieser Beitragsreihe, stehen folgende Themen im Mittelpunkt:

1. Die Gesamtkostenbetrachtung bei einer Fertigungsverlage­rung. Schon immer war ein großes Fragezeichen hinter dem Gesamtkostenvorteil für einen OEM zu setzen, wenn man die Gesamtkosten betrachtet.

2. Was kauft man sich bei einer Fertigung in China oder anderen Schwellenländern ein? Wer etwas auf sich hält, lässt in China oder anderen Billigstandorten produzieren. Diese Entscheidung stellt allerdings oft keine gesamtwirtschaftliche Entscheidung dar.

3. Umweltschutz – eine mehr und mehr wichtige Entschei­dungsgrundlage. Der Umweltschutz, der heute oft vollkommen außer Acht gelassen wird, sollte in die Entscheidungsprozesse bei der Standortwahl einfließen. Die Serie beschreibt Probleme und Fehler, die oft bei einer Fertigungsverlagerung gemacht werden. Zudem gibt es Emp­fehlungen, wie Geräteproduzenten sinnvoll beim Outsourcing vorgehen sollten.

Die neue Beitragsreihe von Hubertus Andreae

Wie lange können wir es uns noch leisten, in China (Südostasien) für Europa produzieren zu lassen?

Auch wenn die Formulierung provokativ erscheinen mag, möchte ich auf dieser Basis Gedanken zur Diskussion stellen und weitere Akzente setzen bei der Betrach­tung von Fertigungsverlagerungen. Dies sind Akzente, die sich mit Gesamtkosten, mit Prozessen und mit Umweltbelastungen auseinandersetzen.

Grund für diese Betrachtungsweise sind heutige Markterscheinungen im Zusam­menspiel von OEM und EMS, die sich heute fast ausschließlich mit den Abgabepreisen und den Fertigungstechnologien beschäfti­gen.

Die weitaus schwierigeren Punkte, auf die ich später eingehe, bleiben unberücksich­tigt als ob sie nicht vorhanden wären oder als ob sie jeder beherrscht.

Ein tief greifender Fehler – denn die Folgen spüren wir ständig: unzufriedene Kunden, Auftragsverlust, verbrannte Potenziale. Eingeflossen sind meine langjährigen Er­fahrungen, die ich bei Bosch und Motorola als OEM sammeln konnte. Aber auch mehrjährige Erfahrungen auf der Seite eines EMS und meine aktuelle Tätigkeit als unab­hängiger, selbstständiger Experte der Unter­nehmung DREI PLUS, das produzierenden Firmen in der Elektronikbranche hilft, über Prozessoptimierung seine Wettbewerbsfä­higkeit auszubauen und Erträge zu steigern. Ergänzend zu meiner Beratungstätigkeit in der EMS- und OEM-Branche stelle ich mein Wissen in zahlreichen Seminaren des FED und Fachartikeln mittelständischen Unter­nehmen zur Verfügung.

Fertigungsverlagerung: Das sollten OEMs beachten

Am Anfang einer Verlagerung steht oft ein hoher Kostendruck, dem man durch eine eigene Produktion nicht mehr gerecht werden kann. In Folge wird die unternehmerische Kernkompetenz neu festgelegt. Dies begann in den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts, wo man Vorfertigungen wie Kunststoffspritzen, Fräsen oder Wickeln verlagerte. Später folgte die Leiterplattenfertigung.

Heute hat man erkannt, dass die Baugruppenfertigung ebenfalls in diese Kategorie einzuordnen ist. Die Ergebnisse können bei richtiger Auswahl des EMS sehr bedeutsam sein. Die Produkte werden in ihren Gesamtkosten günstiger und erreichen eine bessere Qualität.

Allerdings warne ich davor, zu glauben, dass diese Vorteile grundsätzlich garantiert sind. Die OEM, die falsch bei der EMS-Auswahl vorgegangen sind, leiden oft noch lange unter diesen Fehlern. Mehrfach Wechsel der Auftragsfertiger zeigen deutlich den Versuch der nachträglichen Korrektur.

Kostenreduzierende Faktoren des Outsourcing sind u.a. Wertschöpfungskosten:

■ direkter Lohnvorteil (Ostdeutschland, Osteuropa, Asien),

■ höherer Nutzungsgrad der Maschinen von 15 bis 20 Schichten pro Woche,

■ modernere Maschinen und damit optimierte Bestückkosten,

■ höhere Bestückqualität und höhere FPY (First Pass Yield).

Materialkosten:

■ stärkere Einkaufspositionen mit verbesserten Einkaufspreisen,

■ direkter Bezug beim Bauelementehersteller,

■ Nutzung von Bauelementesynergien.

Indirekte Kosten:

■ Schlanke Organisation,

■ geringe Fertigungsgemeinkosten,

■ verbesserte Materialgemeinkosten.

Darüber hinaus gibt es noch weitere Leistungsmerkmale, die ebenfalls bei der Auswahl eines Auftragsfertigers zu beachten sind:

■ Lagerumschlag,

■ Abschreibungshöhe für nicht mehr verwertbares Material,

■ Einkaufsprozesse,

■ Logistikprozesse intern/extern,

■ interne Fehlerquoten,

■ EDV-Leistungsstärke,

■ Durchlaufzeiten,

■ Termintreue,

■ Möglichkeiten, die eigenen Marktgegebenheiten leistungsstark abzubilden.

So wichtig alle diese Punkte sind, so selten analysieren Einkäufer oder Projektverantwortliche Auftragsfertiger nach diesen Kriterien.

Erfahrungen zeigen, dass die Dienstleister, welche die aufgeführten Punkte im Griff haben, die besseren Partner sind. Den Standpunkt zu vertreten, dass sich diese Leistungsmerkmale im Abgabepreis wiederspiegeln, ist reine Theorie. Eine echte Baugruppenkalkulation ist ausgesprochen komplex.

Allerdings kann ein Auftragsfertiger nur so gut sein, wie ihm qualifizierte Vorgaben zur Verfügung gestellt werden.

*Hubertus Andreae hilft als unabhängiger, selbstständiger Experte der Unternehmung DREI PLUS produzierenden Unternehmen in der Elektronikbranche mit Prozessoptimierung die Wettbewerbsfähigkeit auszubauen und Erträge zu steigern.

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dreiplus Tel. +49(0)30 84417913

Redakteur: Claudia Mallok

ELEKTRONIKPRAXIS NR. 11 – 1. Juni 2007

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